Beats, Politik, Party und dicke Lippe

Tancred kann super verdrängen. Sagt er jedenfalls. Aber wenn ihm die politische Wirklichkeit zu nahe kommt, dann reagiert er mit Konfrontations-Therapie: Er kippt selbst einfach noch mehr politische Inhalte in seinen Social-Media-Feed. Erst danach rundet er das Ganze mit ein paar Gaga-Reels ab. Oder er schreibt einfach Rap-Texte...

Anton Hiller alias Tancred kommt aus der Dresdner Neustadt und kümmert sich in seinen Songs um beides: den Zustand der Gesellschaft und seinen eigenen. Faschisten, Klimakrise und soziale Ungleichheit treffen auf Schlaflosigkeit, Zukunftsangst und den Druck, den er sich selbst macht. Manchmal wird daraus ein wütender politischer Track. Manchmal ein Partysong. Und meistens fetzt es.

“Ich mache gerne Musik, die fetzt und Spaß macht. Auch wenn sie mal depressive Texte hat.”
— Tancred bei Fritz Unsigned

Eine Eins für Frieden auf Beats

Angefangen hat das Ganze mit einer Hausaufgabe: Friedensgedicht schreiben in GeWi. Song würde auch gehn hieß es. Also lieferte Tancred auf einem Massimo-Beat seinen allerersten Rap-Track ab. Gab ne 1.

Bis dahin hatte er nur mit nem Cousin zu YouTube-Beats gefreestylt. Und immerhin mal drei Zeilen am Stück geschafft. Talent vorhanden. Mit 17 hat Tancred dann den ersten echten Song unter seinem Namen veröffentlicht. Inzwischen baut er seine Beats, schreibt, rappt, mischt und mastert weitgehend selbst.

“Es klingt viel geiler, wenn man es selber macht. Es macht auch viel mehr Spaß. Es ist super anstrengend – aber wenn du das fertige Produkt hast, sitzt du da und denkst dir: Wow.”
— Tancred bei Fritz Unsigned

Komplett allein arbeitet Tancred nicht mehr. Wilhelm Klimt hat bei „Bleibst Du“ am Beat mitproduziert und Mixing und Mastering übernommen. Trotzdem läuft der Großteil noch sehr in Eigenregie.

Die entscheidende Frage: Bleibst Du?

Seine Tracks gehen den Themen der Zeit nicht aus dem Weg. In „Bleibst Du“ stellt Tancred eine der entscheidenden Fragen seiner Zeit: Bleibt man in der Heimat, wenn die politische Situation immer weiter Richtung rechtsextrem kippt? Bleibt man, weil es das eigene Zuhause ist? Oder kommt irgendwann der Punkt, an dem aus dem unguten Gefühl eine ernsthafte Gefahr wird?

Eine Antwort liefert Tancred nicht. Aber die Auseinandersetzung findet weiter statt. Die Dresdner Neustadt ist dabei Heimat und Ausgangspunkt seiner Musik. Tancred beschreibt das Viertel als bunt, verschmuddelt und dörflich – einen Ort, an dem jeder jeden kennt. Aber sein Horizont hört da nicht auf. Gerade wenn er in kleineren Städten in Sachsen spielt, erlebt er, wie wichtig eine sichtbare antifaschistische Gegenposition für Leute sein kann, die sich in ihrer Umgebung ziemlich allein damit fühlen.

“Wenn Leute mir sagen: Ich habe deine Musik gehört und du machst mir so viel Mut – das macht mich riesig glücklich.”
— Tancred bei Fritz Unsigned

Wer schon tief in der rechten Szene steckt, wird von Tancreds Tracks eher nicht mehr erreicht. Aber darum gehts ihm auch nicht. Er will die erreichen, die widersprechen wollen, denen ein bisschen Unterstützung gut tut.


Morgen ist leider auch noch ein Tag

Tancreds aktuelle Platte heißt „Morgen ist leider auch noch ein Tag“. Ein Gefühl, das ihn lange begleitet hat und immer wieder mal präsent ist.

“Ich gehe ins Bett und denke: Morgen steht noch das und das und das an. Ich hänge da und da noch hinterher. Scheiße, warum ist denn morgen auch noch ein Tag?”
— Tancred bei Fritz Unsigned

Dahinter steckt vor allem der Druck, den Tancred sich selber macht. Da kommt sicher auch ein bisschen Weltschmerz und Zukunftsangst mit rein. Die Psyche, sagt Tancred, ist eben ein großes, komplexes Ding, in dem alles irgendwie ineinander verwoben ist.

Immerhin: Die tiefen, inhaltsschweren Songs fallen ihm dadurch leichter zu schreiben. Wenn er sich erstmal richtig versenkt ins Rabbit Hole, schreibt sich vieles fast von selbst. Für einen Partysong brauchts dagegen richtig witzige Sachen. Manchmal gar nicht einfach zu finden.

Von Anzugmännern und der Family

Zu Fritz Unsigned hat Tancred gleich zwei Leute aus seiner ziemlich großen Familie mitgebracht: Cousine Buletten Trude und Cousin Bruce Keta (Wer checkt die Anspielung auf italienische Antipasti?). Die Mutter hat sieben Geschwister, der Stammbaum hat entsprechend Schlagseite - und offenbar Musik im Blut.

Buletten Trude ist auch auf „Anzugmänner“ zu hören. Der Song rechnet mit Politikern, Wirtschaftsbossen und anderen Herren ab, die in gut sitzenden Klamotten schlechte Ideen promoten. Live wird daraus ein wütender Abriss mit schiebendem Beat und wenig Interesse an diplomatischen Formulierungen.

Und genau da ist der Sweet Spot bei Tancred: Wenn Party, Beats, Politik und große Schnauze zusammenkommen. Löst vielleicht die Probleme nicht. Aber hilft Tancred gegen Reel-Overdose und anderen gegen das Gefühl, allein zu sein.


Tancred – Interview und Livesession – Fritz Unsigned mit Christoph Schrag, 04.10.2026
Christoph Schrag

Credits: Show: Fritz Unsigned

Livesongs: „Anzugmänner“ // „Bis 30“ // „Kein Bock“

Mit: Buletten Trude und Bruce Keta

Aktuelle Platte: „Morgen ist leider auch noch ein Tag“

Foto: Team Tancred

Tancred im Netz: Instagram // Spotify // YouTube // Bandcamp // Apple Music

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