Wir leben im Kreis
Alejandro Molinari hat Wurzeln in Venezuela und Italien. Er lebt und arbeitet als Produzent, DJ und Live-Act in Berlin. Seine Songs kombinieren New Wave, EBM und Indie Dance mit deutschen und spanischen Texten. In seinem aktuellen Projekt „Berlin 2063“ baut er aus Musik und visuellem Storytelling eine Zukunftsvision seiner geliebten Wahlheimat.
Der Auftakt dazu heißt „Tanzen Im Kreis“. Im Interview bei Fritz Unsigned verrät Molinari, dass dieser Titel nicht einfach das Kreisen auf der Tanzfläche beschreibt:
“Wir Menschen leben sehr oft im Kreis. Wir stehen auf, arbeiten, fahren nach Hause, dann beginnt alles von vorne. Gleichzeitig suchen wir ständig nach Veränderungen. Ich fand diesen Widerspruch sehr interessant.”
Molinari nennt das auch den „Tanz des Lebens“. Den Tanz setzt er musikalisch um, indem er sich von seiner ersten Deutschen Musikliebe, der NDW inspirieren lässt: kalte Synthesizer, ein stoischer Beat und deutsche Vocals für eine Zukunft, die düster wirkt, aber nicht leblos ist.
Von Salsa über Finnland nach Deutschland
Seine ersten musikalischen Erfahrungen waren typisch lateinamerikanisch. Salsa gehörte in Caracas zum Alltag, auch bei ihm, dazu kam Latin Rock. Aber von da gings für ihn direkt zu einer Dauer-Inspiration: Ausgerechent Die Neue Deutsche Welle hatte es ihm angeten. Sein zehn Jahre älterer Bruder Aleph hat ihn angefixt. Molinari hörte sich tief in die Szene hinein; besonders Grauzone und mehrsprachiger Post-Punk blieben hängen. Heute führt er diese Einflüsse auf Deutsch und Spanisch zusammen.
Auch sein Weg nach Deutschland verlief ungewöhnlich. Als Teenager wollte Molinari unbedingt mal weit weg aus Caracas. Die Idee war: Finnland, weil ihm dort alles maximal fremd erschien. Nur gabs für Finnland kein passendes Austauschprogramm. Stattdessen erzählte ihm jemand, Deutschland besitze etwas, das England und die USA nicht hätten: „Gemütlichkeit“.
Molinari kam zu einer Gastfamilie in ein Dorf nahe Berlin. Seine Gasteltern sprachen kein Englisch, er selbst noch kein Deutsch. Also lernte er die Sprache beim Zuhören, in der Familie und mit Freund:innen aus seiner Umgebung. In seiner Vita steht aber noch ein Land, das ihn beeinflusst hat: Mexiko. Dort spielte er zunächst langsame Live-Musik mit Synthesizern, Klavier und Stimme, bevor daraus schrittweise Clubmusik wurde.
Berlin lässt dich sein
In Berlin habe sich für ihn die Messlatte des Nachtlebens verschoben. Dinge, die anderswo als wilde Clubgeschichte gelten, werden hier schnell Alltag. Entscheidend ist für ihn aber nicht der Mythos, sondern die Freiheit der Szene. Im Gespräch bei Fritz Unsigned sagt er:
“Du darfst tanzen, du darfst sein, du darfst dich anziehen, wie du willst. Ich kenne das nicht von woanders.”
Diese Freiheit prägt auch Molinaris Auftritte. Er muss nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen. Das birgt immer das Risiko, dass er super emotional wird und sich komplett mitreißen lässt. Wenn er zum Beispiel im KitKat auftritt, bleibt er lieber bei sich; die Verbindung zum Publikum entstehe über Wiederholung und über Bewegung. Für sein Liveset im Fritz-Studio brauchte er nichts weiter als seinen Laptop, ein Audiointerface und ein kleines MIDI-Keyboard.
Warum Dark Disco nicht trostlos ist
Molinari beschreibt seinen Sound als Dark Disco. Das Dunkle steht für ihn nicht für Finsternis und Bedrohung:
„Dunkel ist auch Romantik.“
Und diese Romantik kombiniert er mit roher Energie. So, wie Punk erstmal Zerstörung ist und befreiendes Schreien, kommt dann im Post-Punk dieselbe Kraft aber mit einem neuen Gefühl dazu: sanfter, kontrollierter, melancholischer – aber noch immer gewaltig. Genau dort liegt Molinaris Musik. Sie kann kalt und nostalgisch wirken und bleibt trotzdem für den Dancefloor gebaut.
„Tanzen Im Kreis“ erschien auf seinem Berliner Label Parallel Vision und eröffnet die Welt von „Berlin 2063“. Wie diese Stadt in knapp vier Jahrzehnten aussehen wird, bleibt offen. Molinaris Version liefert zumindest einen festen Punkt: Es wird noch getanzt.
Alejandro Molinari im Interview bei Fritz Unsigned
Das Interview und Liveset mit Alejandro Molinari gibt es als Mitschnitt zum Nachhören hier…: